Birgit Lang
ifk Junior Fellow


Zeitraum des Fellowships:
01. Oktober 2000 bis 30. Juni 2001

Exil und Gedächtnis: Zum Verhältnis von Sammelpraxis, Öffentlichkeit und österreichischer Exilliteraturforschung.



PROJEKTBESCHREIBUNG

Zwischen (symbolischer) Repatriierung und Vergessen verortet die Österreichische Exilliteraturforschung heute das Verhältnis der Republik Österreich zu ihren vertriebenen StaatsbürgerInnen.' Was für eine Sammel- und Forschungspolitik die Exilliteraturforschung selbst betreibt und wie das Verhältnis zwischen Öffentlichkeit, Sammelpraxis und Forschung tatsächlich aussieht, wurde im Rahmen der Exilforschung bislang nicht diskutiert. (Einer der Gründe dafür liegt in der Marginalisierung, welche die Exilforschung an der Universität lange Zeit erfahren hat und teilweise heute noch erfährt.)

Anhand der Analyse der Sammelpraxis dreier Institutionen der Österreichischen Exilliteraturforschung (nämlich des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands, der Dokumentationsstelle für neuere Österreichische Literatur und der in derselben entstandenen Österreichischen Exilbibliothek) soll zuerst die Geschichte der jeweiligen Sammelkriterien herausgearbeitet werden. Dabei steht die Frage danach, wessen Werke faktisch gesammelt werden, im Mittelpunkt. Besonderes Augenmerk wird dabei den Lücken der jeweiligen Sammlungen geschenkt, die- so die Vermutung- eng mit den Gründungsbedingungen und der Geschichte der jeweiligen Institutionen verbunden sind. In einem zweiten Schritt soll dann exemplarisch das Verhältnis der Österreichischen Öffentlichkeit zum Exil und zur Exilforschung anhand der Diskussion in der Presse verfolgt werden. Der hier eintretende Wandel in der öffentlichen Meinung wird besonders auf die Fragestellung hin analysiert, inwieweit ein gewisser Österreichpatriotismus von Seiten der Exilierten auch heute die Voraussetzung für die Rezeption exilierter Schrittstellerinnen in der Zweiten Republik darstellt. Auch andere Faktoren wie eine frühe Rückkehr, religiöse Zugehörigkeit, Geschlecht, politische Einstellung und ein klassisch-idealistisches Formenrepertoire gilt es zu berücksichtigen. In einem letzten Schritt werden - nach Überlegungen, was Österreichische Exilforschung überhaupt sein kann- die wechselnden Strömungen eben jener eruiert und in Beziehung mit den bereits erarbeiteten Grundlagen gesetzt. Auf wen bezieht sich das Österreichisch im Terminus, auf die Forscherinnen oder auf die Exilierten, kann hier provokant gefragt werden. Auf den ersten Blick erscheint zwar die zweite Möglichkeit als richtig. Sind jedoch Werke zu exilierten Österreicherinnen, die in einer anderen Forschungstradition stehen (etwa der englischsprachigen Diaspora-Forschung oder einer jeweils national markierten jüdischen Geschichtsschreibung) und die sich mit "dem Österreichischen" vielleicht gar nicht auseinandersetzen, Teil einer solchen Exilforschung?

Anhand bibliographischer Arbeiten soll geklärt werden, was denn nun in den letzten Jahrzehnten tatsächlich erforscht wurde. Wer forschte über das Österreichische Exil und inwieweit läßt sich ein Zusammenhang zwischen Politik, öffentlicher Meinung und den Entwicklungen innerhalb der Exilforschung erkennen, sind zwei der Fragen, die an dieser Stelle behandelt werden.

Der rote Faden, der sich durch alle Phasen des Projekts zieht, ist die Frage nach den Voraussetzungen für den Eingang in das Österreichische Gedächtnis, in eine kollektive Österreichische Erinnerung: Müssen die betreffenden Personen und ihre Werke als österreichisch identifizierbar sein, und wenn ja, wie lauten die Definitionen dieses Österreichbegriffs? Dabei soll nicht nur wie herkömmlich die staatliche und politische Erinnerungspraxis hinterfragt werden, sondern es soll eine Analyse der Sammel- und Forschungspraxis der Exilliteraturforschung selbst vorgenommen werden.



CV

Geboren 1971 in Feldkirch/Vlbg., Österreich, Studium der Germanistik und einer Fächerkombination (Geschichte, Soziologie, Philosophie), Universität Wien. Auslandsaufenthalte in Zürich, Sydney und Melbourne.  Magisterarbeit zur Poetik des Antijudaismus beim Österreichischen Barockautor Matthias Abele, Doktorarbeit zum deutschsprachigen Theater der Emigration in Australien (Stipendiatin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften).



Publikationen

Konstellationen "Down Under" – Deutschsprachig-jüdische Identität in Sydney, Australien 1933 -1973. In: Jüdische Identitäten. Einblicke in die Bewußtseinslandschaft des österreichischen Judentums. Hg. von Klaus Hödl, (Innsbruck: Studienverlag 2000, S. 243-270); The Little Viennese Theatre. A migrant phoenix. In: The Portable Jerusalem: The Culture and Politics of the Jewish Diaspora. Ed. by David Cesarani and John Milfull, (London: Berg 2001); Intersexions - Zur Konstruktion von Geschlecht/erdifferenz/en im deutschsprachigen Exilkabarett in Australien. http://www.adis.at/arlt/institut/studies/s_1007_d.htm; Intersexions - Constructions of gender difference/s in the German-speaking exile cabaret in Australia. http://www.adis.at/arlt/institut/studies/s_1007_e.htm; Nomadic Lesbians - Transforming European Lesbian Studies. In: Furia Pierwsza 4/1999; Ellen Galford. In: Gay and Lesbian Literature. Second Volume. East Lansing, MI: Full Circle Press 1998 p. 147-148; Christa Reinig. In: Gay and Lesbian Literature. Second Volume. East Lansing, MI: Full Circle Press 1998 p.298-299; Grete von Urbanitzky. In: Gay and Lesbian Literature. Second Volume. East Lansing, MI: Full Circle Press 1998 p. 365-366; Sonya Kovalevskaya - Mathematikerin und Schriftstellerin. In: Dokumentation des 19. Bundesweiten Kongresses Frauen in Naturwissenschaft und Technik, 20.-23. Mai 1993, (Berlin: TU Berlin 1994, S. 177-185).
Zahlreiche Buchbesprechungen: feministische Rezensionszeitschrift Weiberdiwan
http://www.frauenzimmer.at; Jura Soyfer, Internationale Zeitschrift für Kulturwissenschaften http://www.soyfer.at/zs/index.htm; Beitrag in Sinnhaft http://sinn-haft.action.at/nr9_stoerfaelle/nr9_lang_entenhausen.html