Ringstraße, Shopping Mall, Welt. Victor Gruens Transformation der Stadt
Wie grundlegend sein Schaffen die Welt verändern würde, konnte selbst der als gigantomanisch bekannte Architekt aus Wien nicht ahnen: Victor Gruen gilt als Vater der Shopping Mall. In den 1950er-Jahren baute Gruen gigantische Shopping Towns, die isolierten VorstadtbewohnerInnen einen Ort zum Verweilen bieten sollten. Der Bautyp Shopping Mall setzte sich innerhalb weniger Dekaden über komplexe Anpassungsprozesse auf globaler Ebene durch und definierte im Zuge seines Siegeszuges die Welt als Shopping Mall. Bestürzt über die Früchte seiner Arbeit, widmete sich der bekehrte Stadtplaner später der Revitalisierung der Innenstadt. Er propagierte die Einführung ringförmiger Befestigungswälle, die die Stadtzentren vor der Zerstörungsmacht der Autos schützen sollten, und setzte sich für ökologische Stadtplanung ein. Dabei war die Stadt Wien für Gruen nicht nur jene Stadt, in der er geboren wurde, seine Kindheit verbrachte und in die er im Alter zurückkehrte; sie war auch jener magische Referenzpunkt, der sein Verständnis von Stadt und urbanem Leben prägte.
Anette Baldauf studierte Erziehungswissenschaften an der Universität Wien sowie Soziologie an The New School University in New York. Ihr Forschungsinteresse gilt postindustriellen Stadtformationen, Pop- und Alltagskultur, sozialen Bewegungen und kritischer Kunst. In ihrer kontinuierlichen Kooperation mit KünstlerInnen interessiert sie sich für eine stärkere Anbindung sozialwissenschaftlicher Forschung an künstlerische Praktiken.