Medienkulturen des Wissens
Seit seinen Anfängen hat der Film eine visuelle Kultur etabliert, die mediale Technologien, Wissenspraktiken und Prozeduren der Macht überlagert. Um die Jahrhundertwende wurde zu Zwecken der Beobachtung, Aufzeichnung, Demonstration, Instruktion und Optimierung menschlicher Tätigkeiten ein Arsenal technischer Medien eingesetzt – darunter auch die Kinematographie. Der Gebrauchsfilm formierte eine zeitbasierte Wahrnehmungsanordnung, in deren Kontext Subjekte vermessen, diszipliniert, motiviert, ertüchtigt, adressiert, normalisiert wurden. Er kann als Testsituation für eine sich wandelnde visuelle Medienkultur verstanden werden. Ramón Reichert untersucht in seinem Forschungsprojekt die Prozesse der Medialisierung wissenschaftlichen Wissens, die Medienumbrüche und die Forschungs- und Popularisierungsstrategien, die sich im Umfeld des wissenschaftlichen Gebrauchs von Film und Video herausgebildet haben. Seine Hauptthese lautet, dass sich populäre Filmstile und wissenschaftliches Wissen wechselseitig bedingen und gemeinsam einen relationalen Möglichkeitsraum bilden. In diesem Raum wirken sie wechselseitig aufeinander ein und eröffnen transitorische Bezugsverhältnisse gemischter Wissenspraktiken: Die Steigerung des Schauwerts, die Blickführung, die Dramatisierung der Handlung, die Herstellung von Aufmerksamkeit, die fiktionalisierende Konstruktion von entscheidungsgeladenen Situationen oder die emotionalisierende Wirkung der Einstellungsgrößen transformieren experimentelles Wissen in (inter-)mediales Wissen.
Ramón Reichert ist Assistent am Institut für Medien/Medientheorie der Kunstuniversität Linz, Key Researcher am Institut Europäische Geschichte und Öffentlichkeit der Ludwig Boltzmann Gesellschaft, Wien, Kurator des Siemens Arts Program und Lektor an der Universität Mozarteum, Salzburg.