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Tagung: Radikale Imagination. Cornelius Castoriadis zum 100. Geburtstag: Vortrag Harald Wolf: „Castoriadis at Work. Aufklärungen von Arbeit und Technik“

Harald Wolf



Anlässlich des 100. Geburtstages von Cornelius Castoriadis 2022 ist ein Themenheft der »Zeitschrift für Kulturwissenschaften« geplant, das sich bisher weniger beleuchteten Seiten von Castoriadis’ Philosophie widmet und die Bedeutung dieses Denkers für zeitgenössische Debatten herausarbeitet. Die Arbeitstagung eröffnet die Diskussion.  Vortrag Harald Wolf: „Castoriadis at Work. Aufklärungen von Arbeit und Technik“


Der Kapitalismus erfand Arbeit und Technik, wie wir sie heute kennen, und schuf damit eine »Arbeitsgesellschaft«, für die diese Arbeit und diese Technik die einzigen Domänen sind, »auf die sie sich noch versteht«, wie es Hannah Arendt ausgedrückt hat. Während Theorien der kapitalistischen Moderne deshalb lange auch ein Gutteil ihrer Aufmerksamkeit auf diese Domänen konzentrierten (man denke nur an Marx oder an Weber), sind in den letzten Jahrzehnten, ausgehend von Theorien der Postmoderne, zunehmend andere Schlüsselkonzepte (wie etwa Konsum, Wissen oder Identität) in den Vordergrund getreten. Es scheint, als habe man hier – über die gerechtfertigte Kritik an einem marxistischen »Produktionsparadigma« hinaus – das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Cornelius Castoriadis ist auch in dieser Hinsicht eine Ausnahme: Er hielt an seiner ursprünglichen Position, in deren Zentrum ein kritisches Konzept bürokratisch-kapitalistischer Beherrschung, Formung und Entwicklung von Arbeit und Technologie steht, fest. Für ihn bringt die Herrschaft des kapitalistischen Imaginären eine widersprüchliche Subsumtion aller Tätigkeiten und Bereiche unter die Pseudo-Rationalität von Organisation und Markt mit sich. Diese imaginäre Subsumtion impliziert sowohl Ausschluss wie Einschluss der Subjekte und macht Arbeit und Technik zu permanent umkämpften Domänen, von denen die weitere globale gesellschaftliche Entwicklung mehr denn je entscheidend abhängt. Der Beitrag erläutert und erörtert die Castoriadis'schen Aufklärungen von Arbeit und Technik und plädiert für eine davon ausgehende Neuorientierung der theoretischen Debatte.   Harald Wolf ist seit vielen Jahren Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Soziologischen Forschungsinstitut (SOFI) an der Universität Göttingen und Privatdozent an der Universität Kassel. Studium der Soziologie, Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main und Darmstadt. Er wurde 1991 an der TU Darmstadt mit einer Studie über die Computerisierung technisch-geistiger Arbeit promoviert und habilitierte 1999 an der Universität Kassel mit einer Arbeit über die Bedeutung der sozialtheoretischen Konzeptionen von Cornelius Castoriadis für die Arbeitssoziologie. Seit 2006 ist er Mitherausgeber der Ausgewählten Schriften von Castoriadis (in mittlerweile neun Bänden). Seine Forschungsschwerpunkte sind Arbeits- und Industriesoziologie, Sozialtheorie.