Vortragsmitschnitte

Tagung: Radikale Imagination. Cornelius Castoriadis. Vortrag Christian Schulz «(Re-)Konzeptualisierung eines algorithmisch Imaginären»

Christian Schulz



Im Kontext der Forschung zu sozialen Medien hat das Konzept des »algorithmic imaginary« (Bucher 2018) in den letzten Jahren einige Prominenz erfahren, geraten mit diesem doch die Aneignungsprozesse der im Verborgenen operierenden algorithmischen Prozesse durch die Nutzer*innen bzw. deren Imaginationen von diesen Operationen in den Blick. Mithilfe solch eines Konzepts werden die Vorstellungen von Nutzer*innen über die Funktionsweise von auf Algorithmen basierenden Technologien samt ihres produktiven und affektiven Zutuns analysierbar, wie sie etwa kennzeichnend für die Zusammenstellung der Feeds von sozialen Medien sind. Die affektiven Momente werden hierbei allerdings lediglich auf Seiten der Nutzer*innen und in deren »imaginaries« verortet. Gleichzeitig ist in jüngsten Arbeiten zu solch ordnungsstiftenden Algorithmen die Rede von vorwiegend technisch operierenden Imaginationen (Rieder 2020), in denen wiederum die Aneignungsprozesse der Nutzer*innen kaum Beachtung finden. In Bezug auf ein umfassendes Verständnis sozialer Medien sind beide Konzeptionen eines Imaginären insofern wenig zielführend, als dass sie die für die Infrastrukturen sozialer Medien konstitutive Indeterminiertheit zwischen von Progammierer*innen erdachten »design imaginaries« und den »specific situations of use« (Suchman 2007) durch die Nutzer*innen jeweils einseitig engführen. Der Vortrag nimmt diesen Umstand als Ausgangspunkt und versucht ausgehend von Castoriadis' vier Ebenen des Imaginären ein algorithmisch Imaginäres zu skizzieren, dass das wechselseitige Zusammenspiel von Programmierer- und Designer*innen, Interface-Elementen, Verfahren des maschinellen Lernens und nicht zuletzt den Nutzer*innen im Kontext sozialer Medien in den Blick zu nehmen vermag, was an der Relation von Feed und Interface verdeutlicht werden soll.


Christian Schulz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Sonderforschungsbereich/Transregio 318 »Constructing Explainability« an der Universität Paderborn. Zuvor war er u. a. Stipendiat im DFGGraduiertenkolleg »Das fotografische Dispositiv« an der Hochschule für bildende Künste Braunschweig. Seine Forschungsschwerpunkte sind soziale Medien und ihre Medientheorien, Datenpraktiken, digitale Fotografie und Subjekttheorien. Derzeit schließt er seine Promotion ab, in der er die verzweigte Geschichte des ›Like‹ Buttons zum Ausgangspunkt einer Theorie sozialer Medien nimmt bei der das »Imaginäre« eine zentrale Rolle einnimmt. zum Workshop