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Tagung: Radikale Imagination. Cornelius Castoriadis. Vortrag Gloria Meynen: «Alles auf Ende! Über einige Erzählexperimente der radikalen Imagination»

Gloria Meynen



Zehn Jahre nach 9/11 formuliert der Schriftsteller und Aktivist Patrick Reinsborough, wir befänden uns in einer »slow motion apocalypse«, in der nicht nur »die grundlegenden lebenserhaltenden Systeme des Planeten« sondern auch unsere »Kontrollmythen« kollabierten. Dem »ökologischen Endspiel eines ungebremsten, globalisierten Unternehmenskapitalismus« könnten wir nur mit radikaler Imagination entkommen. Manche versuchen, die nächste Zukunft durch Interpolation der Gegenwart zu gestalten, um ihren Status quo zu sichern. Die gegenwärtigen Probleme werden damit kaum gelöst. Aktivist*innen wollen darum jede Verbindung zur Gegenwart kappen. Sie fordern eine Zäsur. Doch häufig muss sich die Forderung nach einem unbedingten Neubeginn mit den Paradoxien des Anfangs herumschlagen: Eine andere Welt ist eine einsame Insel, die keinem Eiland ähnelt. Kein Ort, eine Utopie, zu der jede Karte fehlt. Wie können wir also von insularen Körpern erzählen, ozeanische Gesellschaften erfinden, von endemischen Politiken in anderen Sprachen träumen? Diese Fragen irritieren, sobald wir die Antwort in uns selbst suchen: Wie können wir der eigenen Verstrickung in die Unterdrückung und Zerstörung der Umwelten entkommen – wie die eigene Schwerkraft überwinden? Kann man ich sein und ein*e ander*er werden – mit der eigenen Gegenwart brechen und dennoch überleben? Die Forderung nach Initiation und Neubeginn kann man heute vielen Erzählungen der »Neuen Rechten« und des Aufstands der letzten Generation entnehmen. Nicht in den Inhalten, aber in der radikalen Abkehr ähneln sie einander. Meint »radikal« bloß die Rückkehr zu einer »Wurzel«, einem vermeintlich reineren »Ursprung« (»radix«), oder kann man sich einsame, endemische Zukünfte vorstellen, die in keiner Gegenwart oder Vergangenheit wurzeln? Der Beitrag untersucht die neueren Erzählungen der Apokalypseblindheit. Er lädt dazu ein, mit den einsamen Zukünften die Perspektiven und Paradoxien der radikalen Imagination in den Critical Future Studies zu diskutieren.


Gloria Meynen studierte Germanistik, Kulturwissenschaft und Philosophie in Köln, Bonn, Bochum, Konstanz und Berlin, wurde mit der Arbeit »Büro: Die Erfindung der Schreibfläche« an der HumboldtUniversität zu Berlin promoviert und habilitierte mit einer Monografie über das Verhältnis von Wissenschaft und Fiktion bei Jules Verne und Alexander von Humboldt. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschergruppe »Bild – Schrift – Zahl« der Humboldt-Universität zu Berlin und bei eikones an der Universität Basel. Von 2012 bis 2019 war sie Professorin für Medientheorie und Kulturgeschichte an der Zeppelin Universität, im September 2019 folgte sie einem Ruf auf die Professur für Medientheorien der Kunstuniversität Linz. Gloria Meynen publizierte u. a. zu »nützlichen Fiktionen« – einer Mediengeschichte der geraden Linie, zu Karten und Diagrammen, Zahlenmeeren und Phantominseln. Im Januar 2020 erschien Inseln und Meere. Zur Geschichte und Geografie fluider Grenzen im Matthes & Seitz Verlag Berlin. Zum Workshop