Das Ende der Fiktionen? – Die Krise des literarischen Realismus in den 1960er-Jahren
Die 1960er-Jahre können nach der emphatischen Moderne als zweite „Hochzeit“ der Kritik am (literarischen) Realismus gelten, sie bilden ein dynamisches Kontinuum, in dem sich fundamentale kulturelle Veränderungen vollziehen – im Bereich der Medien (Popmusik, „neues Kino“, Allgegenwart des Medialen/„Bewusstseinsindustrie“), des Soziokulturellen (neue „Lebenswelten“/Subkulturen, neue Körperrhetoriken, neue Formen des Politischen), des Erkenntnistheoretisch-Epistemologischen (Strukturalismus, Kultur-Semiologie) und des Künstlerisch-Ästhetischen (Skepsis gegenüber Fiktionen, Aktivierung der Rezipienten, Beschreiben statt Erzählen, Oberfläche vor Tiefe). Die Literatur als jenes „alte“ Medium, in dem seit jeher sozial Bedeutsames verhandelt wurde, sieht sich innerhalb dieses Kontinuums mit dem Aufkommen neuer wirkmächtiger kultureller Formate (und damit neuer Formen von aisthesis und poiesis) konfrontiert. Anhand der Betrachtung spezifischer Konstellationen im deutschsprachigen literarischen Feld („Neoavantgarde“ und Pop, „Neoavantgarde“ und Reportage/Dokumentarismus, Reportage/Dokumentarismus und Pop) sollen im Rahmen des Forschungsprojektes Entwicklungslinien der künstlerischen Praxis und Theorie in ihrer Wechselwirkung mit den kulturellen Dynamiken der 1960er-Jahre untersucht werden.
Anna Estermann studierte Germanistik und Jüdische Kulturgeschichte an der Universität Salzburg. Seit 2013 ist sie dort wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Germanistik.