Laboratorium Wien-Tokio – Zur Entstehung und Entwicklung eines neuropsychiatrischen Denkstils in Österreich und Japan um 1900
Gegenstand des Forschungsprojektes zur transnationalen Wissenschaftsgeschichte ist die Frage, wie sich die Beziehungen zwischen Österreich und Japan in der Medizin vom Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts auf die Entwicklung der akademischen Psychiatrie in Tokio und auf die Wiener Wissensproduktion ausgewirkt haben. Im Zentrum der Analyse stehen der Denkstil und das Denkkollektiv des weltweit ersten neurologischen Institutes in Wien mit seinen zahlreichen japanischen Gastforschern sowie die Kontakte des Gründers Heinrich Obersteiner zu Kure Shūzō, dem „Vater der modernen Psychiatrie Japans“. Ludwik Flecks Begriffe Denkstil und Denkkollektiv weisen dabei auf den sozialen Charakter jeglicher Forschungstätigkeit hin. Ziel des Projektes ist es, aus einem interkulturellen, internationalen, politischen und persönlichen Beziehungsgeflecht, innerhalb eines wissenschaftlichen Austauschprozesses, Bedingungen für die spezifische Gestaltung einer Disziplin herauszulesen.
Bernhard Leitner studierte Japanologie und Philosophie an der Universität Wien und der Tokyo Metropolitan University und schloss mit einer Arbeit zur Archäologie der modernen Psychiatrie in Japan ab. Seine Forschungsinteressen umfassen die Geschichte der Medizin, Wissenschaft und Technik sowie Wissenschaftstheorie. 2015 forschte er drei Monate als Toshiba International Foundation Fellow in der Medizinischen Zentralbibliothek und den Archiven der Universität Tokio. Von 2013 bis 2016 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter und uni:docs Fellow am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien. Derzeit arbeitet er an einem Promotionsprojekt zum Austausch in der Psychiatrie und Neurologie zwischen Österreich und Japan vom Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts.
31 Januar 2023