Ästhetik, eine deutsche Wissenschaft zwischen Revolution und Jahrhundertwende
Ich arbeite an einer Monografie über die deutschsprachige Ästhetik zwischen 1848 und 1914 – auch in ihrer Spannung zu Kunstgeschichte, Kunsttheorie und Kunstwissenschaft. Das Projekt schließt an meine Forschungen der letzten Jahre zur Völkerpsychologie, zur formalistischen Ästhetik, zu Anthropologie, Kunstgeschichte und Kunstwissenschaft im langen 19. Jahrhundert an. Ausgehend von dem Befund eines quantitativen Übergewichts der Ästhetik in dieser Zeit soll gezeigt werden, dass in diesem halben Jahrhundert im deutschsprachigen Raum eine Verlagerung zentraler philosophischer und politischer Fragen in den ästhetischen und kunsttheoretischen Bereich stattgefunden hat, so dass unter Begriffen wie Stil, Form, Werk usw., Auseinandersetzungen über die Interpretation der Moderne, das Wesen des Kollektiven, die Definition von Werten geführt wurden. Wegen des Anspruchs, eine wissenschaftliche Ästhetik zu entwickeln, nehmen die untersuchten Diskussionen auch einen nicht geringen Anteil an den damaligen Debatten über das Verhältnis von Geistes- und Naturwissenschaften ein. In diesem Sinne hatte die heute zum Teil wenig bekannte Ästhetik der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine wesentliche Bedeutung für das Entstehen moderner Kulturwissenschaften.
Nach dem Studium der Germanistik an der École normale supérieure in Paris war Céline Trautmann-Waller Dozentin an den Universitäten Rennes 2 und Paris 8. Seit 2005 ist sie Professorin im Fach Etudes germaniques an der Université Sorbonne Nouvelle Paris 3, wo sie seit 2006 die Forschungsgruppe CEREG (Centre d’études et de recherches sur l’espace germanophone) leitet. Von 2006 bis 2012 war sie Juniormitglied des Institut Universitaire de France. Ihre Forschungen sind vor allem wissenschaftsgeschichtlich orientiert und betreffen die Geschichte der Philologie (Nationalphilologien, Sprachwissenschaft, Orientalistik und Ethnologie), der Kunstgeschichte und Ästhetik im deutschsprachigen Raum im langen 19. Jahrhundert und den Kulturtransfer zwischen Deutschland, Frankreich, Zentraleuropa und Russland im Bereich der Humanwissenschaften.