Wenn Forscher*innen zensieren. Zensur im Ersten Weltkrieg als »Kontaktzone« und »Übersetzungsraum«
Das Projekt ist den vielschichtigen Übersetzungspraktiken der Zensur in der Habsburgermonarchie während des Ersten Weltkriegs gewidmet. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht dabei die Zensurabteilung D des »Gemeinsamen Zentralnachweisbüros«, welche ihr Personal unter wehrpflichtigen (Geistes-)Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Akteur*innen der Wiener Moderne rekrutierte. Betraut mit der Überwachung und nachrichtendienstlichen Auswertung der Kriegsgefangenenpost, erwies sich die Zensurstelle dabei als Nadelöhr und Zwischenraum nicht nur für die massenhaft abgefertigte Korrespondenz, sondern auch für die wissenschaftlichen Biografien ihrer Zensoren, deren Aufgabe es war, verschlüsselte Botschaften privater Korrespondenz, aus allen Sprachen der Habsburgermonarchie und ihrer Kriegsgegner, in allgemeine Stimmungsberichte und Metadaten zu übersetzen. Unter Duldung der Heeresleitung speiste das gesammelte Material darüber hinaus auch ihre persönlichen Forschungsprojekte.
Evelyn Knappitsch studierte Geschichte in Graz und Wien und promovierte 2020 in Graz. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich Medien- und Kulturgeschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Zentral in ihren Zugängen ist die Auslotung von Spielarten des historiografischen Erzählens. Derzeit ist sie Independent Researcher und als Lektorin am Institut für Geschichte an der Universität Graz tätig.