Theaterzensur als definierende Gewalt
Im 19. Jahrhundert kommt der polizeilichen Theaterzensur für die Akkumulation von Wissen über Theater eine zentrale Bedeutung zu. In den Theaterhauptstädten Wien und Berlin entstehen innerhalb der Polizeiadministrationen umfangreiche Zensurarchive. Es wäre zu kurz gegriffen, wollte man in der polizeilichen Zensur nur ein Mittel zur Aufrechterhaltung von Ruhe, Ordnung und Sicherheit sehen. Tatsächlich offenbart sich das Zensurgeschehen zwischen Theatern und Polizeibehörden oftmals als von gegenseitigen Interessen bestimmt. Dies gilt insbesondere nach der Einführung der Gewerbefreiheit für die Theater, die einem neuen Unterhaltungsbedürfnis in den rasch wachsenden Metropolen Rechnung trägt. Das Forschungsvorhaben geht der Frage nach, inwiefern die Entstehung und Verbreitung neuer theatraler Gattungen dem Zusammenspiel von De-Regulierung und Polizierung entwächst.
Nach dem Studium der Theaterwissenschaft und Geschichte in Berlin arbeitete Jan Lazardzig als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich „Kulturen des Performativen“ und am theaterwissenschaftlichen Institut der Freien Universität. 2010 / 11 war er Gastprofessor an der Kunstakademie Münster und von 2011 bis 2013 als Feodor-Lynen-Stipendiat der Alexander-von-Humboldt-Stiftung an der University of Chicago. Zurzeit forscht Lazardzig zum Verhältnis von Theater und Polizei im 18. und 19. Jahrhundert.