Projektbeschreibung

Commons vor dem Gesetz. Zum Spannungsverhältnis von Gemeinschaftsalmen und Privateigentum

Etwa 60% aller Almweideflächen in Österreich sind Commons. Diese vorkapitalistischen Formen geteilter Landnutzung wurden bereits vor 100–150 Jahren in die Gesetzgebung und Verwaltung des modernen österreichischen Staates integriert, welche wiederum stark am liberalen Ideal des exklusiven Privateigentums ausgerichtet sind – am Ideal der individualisierten, absoluten Verfügungsmacht über Dinge. Entlang der Untersuchung gemeinschaftlicher Almen in Tirol und im Salzkammergut beschäftigt sich dieses Projekt mit den aus diesem Widerspruch resultierenden, anhaltenden Spannungen zwischen kollektiven Verfügungspraktiken und deren staatlicher Regulierung. Durch die Verbindung ethnografischer und historischer Forschung mit kritischer Eigentumstheorie werden die ambivalenten Auswirkungen der Verrechtlichung der österreichischen Almweide-Commons nachgezeichnet, sowie Möglichkeiten und Grenzen des Aufbaus von Alternativen zum Privateigentum innerhalb kapitalistischer Rechtsordnungen aufgespürt.

Lebenslauf

Lisa Francesca Rail ist Doktorandin am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Im Zuge dessen beschäftigt sie sich mit den ambivalenten Effekten der modernen staatlichen Formalisierung von kollektiven Eigentumsformen in der österreichischen Almwirtschaft. Von 2021 bis 2026 war sie dabei Promotionsstipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Zuvor hat sie mehrere Sommer selbst als Hirtin und Beisennin auf Gemeinschaftsalmen gearbeitet und hat bereits in ihrem MA in Social and Cultural Anthropology an der McGill University in Montréal zu Weide-Commons im Tien Shan Gebirge in Kirgisistan geforscht. Außerdem ist sie Herausgeberin der Neuauflage des 1925 erstmals erschienenen Buchs Der Kampf um Wald und Weide des austromarxistischen Theoretikers Otto Bauer und schreibt regelmäßig für agrar-aktivistische und bäuerliche Medien.

Publikationen
2025 
mit Giacomo Pagot et al., »Territories of commons: a review of common land organizations and institutions in the European Alps«, in: Environmental Research Letters 20 (2025), No 6, S. 1–37.
2024 
»Cowsheds without Cows. On the Ambivalent Afterlife of Common Property Formalization in the Austrian Alps«, in: Sabina Cveček und Barbara Horejs (Hg.), The Seasonal and the Material, (= Anthropos Special Issue), Baden-Baden 2024, S. 53–74.
2024 
»Otto Bauer und die Commons. 100 Jahre Vision von der demokratischen Sozialisierung des Bodens«, in: Otto Bauer, Der Kampf um Wald und Weide. Studien zur österreichischen Agrargeschichte und Agrarpolitik, Wien 2024, S. 7–58.