Zeit der Kritik. Über die Geschichte prädiktiver Medien
„Das Denken jedes Zeitalters spiegelt sich in seiner Technik wider“, schreibt Norbert Wiener. Digitale Technologien und Techniken prägen unser Denken – und vice versa. In digitalen Kulturen verschiebt sich das Denken auch hinsichtlich der Vorstellung zeitlicher Ordnungen. In ihrer Dissertation wirft Lotte Warrnsholdt anhand einer Untersuchung der Geschichte prädiktiver Medien die Frage auf, inwiefern diese Verschiebung das Vermögen, den Anspruch und die Geltung moderner Kritikbegriffe bedroht. Ihre Urszene finden prädiktive Medien in der Arbeit des US-amerikanischen Mathematikers Norbert Wiener an einer Flugabwehrrakete während des Zweiten Weltkrieges. Ursprünglich als Heeresgerät konzipiert, erhalten Vorhersagetechnologien später Einzug in Gesellschaft und Kultur. Verabsolutieren sie damit tatsächlich kybernetische Zeitverhältnisse, wie es in den Medienwissenschaften anklingt? Verschwindet der offene Horizont der Zukunft, den moderne Kritik voraussetzt?
Lotte Warnsholdt studierte Europäische Ethnologie, Philosophie und Kulturwissenschaften in Kopenhagen, Hamburg und Lüneburg. Ihren M.A. schloss sie 2015 mit der Arbeit Schleifen der Gegenwart – Zeitliche Gefüge zwischen Erinnern und Vergessen in Lüneburg ab. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen kulturwissenschaftliche Gedächtnistheorien, Mediengeschichte und Formen kritischer Praxis. In ihrer Dissertation untersucht sie die Geschichte prädiktiver Medien und stellt dabei auch die Frage nach den Möglichkeiten von Kritik unter den Bedingungen des Digitalen. Seit 2016 ist Lotte Warnsholdt Doktorandin am DFG-Graduiertenkolleg „Kulturen der Kritik“ an der Leuphana Universität Lüneburg.