Kultureller Kannibalismus – Zum Übersetzen der Anthropophagie
Die im brasilianischen Modernismus der 1920er-Jahre proklamierte Bewegung der Anthropophagie steht – 100 Jahre nach der Unabhängigkeit von Portugal – als Reaktion auf die jahrhundertelange Kolonialisierung vornehmlich im Dienste der Konstruktion einer eigenen sprachlich-kulturellen Identität. Als Akt der Einverleibung, Verschlingung europäischer Kulturformen und ihrer Transformation in ein genuin „Brasilianisches“, wird dieser kulturelle Kannibalismus als Form des Widerstands gegen die nach wie vor wirksame Vorherrschaft Europas in Kunst, Kultur und Literatur zelebriert. Die Verschlingung des Anderen wird zur epistemologischen Metapher für die Übersetzung von Kulturen, für die Erfahrung von Alterität und zugleich Bedingung der Möglichkeit eines „Eigenen“. Im Fokus des Forschungsprojekts stehen die Verbindungen von kulturellem Kannibalismus und dem Prozess des Übersetzens sowie die Aporien, die sich aus der kannibalistischen Metapher für das Verhältnis von Original und Übersetzung ergeben.
Melanie P. Strasser studierte Philosophie an der Universität Wien sowie Übersetzungswissenschaft mit Schwerpunkt auf literarischem Übersetzen am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien sowie an der Universidade do Porto, Portugal und der Universidade Federal de Santa Catarina, Brasilien. In ihrem Dissertationsprojekt befasst sie sich mit den Beziehungen zwischen der anthropophagen Einverleibungsmetaphorik in Brasilien und dem Prozess des Übersetzens. Seit 2015 promoviert und lehrt sie am Institut für Romanistik der Universität Wien. Zudem ist sie als Literaturübersetzerin aus dem Portugiesischen tätig.