Geborener Fremder? Der Autist als Figur der Gegenwart
Untersucht wird der Autist als Diskursfigur in Forschung, Literatur, Popkultur und Alltag. Seit seiner Erstdarstellung um 1900 werden mit dem Autismus Ideen eines modernen Subjekts geformt, das bestimmt ist durch Selbst- und Fremdverhältnisse. Autismus-Konzepte spielen zentrale Beziehungsfragen des 20. Jahrhunderts durch, wenn sie etwa Modelle von Nahkommunikation entwerfen, Mutter-Kind-Bindungen normalisieren oder die zwischen Menschen und Maschinen problematisieren. Oft werden dabei Risiken profunder Alterität erwogen und die Grenzen des Humanen überhaupt vermessen. Jüngst gilt der Autist vermehrt nicht mehr als pathologisches Mängelwesen, sondern als „neuer Mensch“ des dritten Jahrtausends. Manche halten ihn für avantgardistisch, fähig zu neuartigen Beziehungen – mit Technologien, Tieren, Dingen oder der sinnlichen Umwelt. Der Autismus, dessen Geschichte verwoben ist mit der Genealogie moderner Subjektivität, steht heute emblematisch für die Schwelle zu einer vieldiskutierten Nachmoderne.
Novina Göhlsdorf studierte Kulturwissenschaft, Romanistik und Theaterwissenschaft in Berlin. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leuphana Universität in Lüneburg, am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung und dem Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Dort promoviert sie mit einer Dissertation zur Diskursgeschichte des Autismus. Schwerpunkte ihrer Forschung sind psychiatrische und psychologische Wissenskulturen, die Geschichte und Theorie von Affekten und Emotionen sowie die Beziehungen zwischen Wissenschaft und Literatur. Einmal im Monat erscheint ihre Kolumne „Glossar der Seelenkunde“ im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.