Fakt und Artefakt
Das Projekt gilt der Analyse von faktografischen und fiktionalen Texten der Gulag-Literatur. Dabei wird unterschieden zwischen den unmittelbar Betroffenen, die von ihrem Erleben schriftlich Zeugnis ablegen, und Nicht-Zeugen, die ihr Faktenwissen aus dokumentarischen Berichten schöpfen und einen fiktionalen Zugang dazu wählen. Die autobiografischen Texte versuchen ebenso wie die Erzähltexte, einer Realität Gestalt zu verleihen, die außerhalb des konventionell Darstellbaren liegt. Sowohl ein dokumentarischer Bericht als auch die zugespitzte Erzählung vermag Reaktionen der Erschütterung auszulösen, wobei die „Vergegenwärtigung“ (enargeia) des Geschehens, das die Lesenden einbeziehende, Wirkung erzielende zentrale Verfahren ist. Die Bestimmung der jeweiligen stilistischen Realisierung in den unterschiedlichen Formen der Gulag-Literatur ist Ziel der Untersuchung.
Renate Lachmann studierte Slavische Philologie und Osteuropa-Geschichte an der Universität Köln. 1969 wurde sie auf den Lehrstuhl für Slavische Literaturen und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Bochum berufen, 1978 auf einen entsprechenden Lehrstuhl an der Universität Konstanz, wo sie nach Ablehnung eines Rufs nach Yale bis zu ihrer Emeritierung 2001 blieb. Sie hatte zahlreiche Gastprofessuren in Irvine, Stockholm, Prag, Tel Aviv, Moskau, Chicago und Berlin inne. 1982 wurde sie in die Forschergruppe Poetik und Hermeneutik aufgenommen. Seit 1994 ist sie ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und der Academia Europaea.