Imaginationen der Kontrolle: Risikomodellierungen und nukleare Ökologien am Ende des Kalten Krieges
Risikokennzahlen, Grenzwerte und Bevölkerungsstudien erscheinen vielfach als universelle Infrastrukturen der Bewertung und Regulation von Strahlenrisiken. Analysiert man die konkreten Praktiken der Risikoabschätzung von Fallout-Expositionen um Semipalatinsk (heute: Semei, Kasachstan), ergeben sich neue Situierungen der Risiko-Dispositive sowie Vervielfältigungen nuklearer Realitäten. Untersucht man die konkreten Praktiken der Risikoforschung in der Region Semipalatinsk, werden nukleare Ökologien als heterogene Assemblagen sichtbar. Beispielsweise mobilisieren epidemiologische Beobachtungstechniken ganze Bevölkerungsgruppen und ihre Expositionen und Erkrankungen als Ressource für die Validierung bestehenden Risikowissens. Welche Effekte und Neuzusammensetzungen ziehen diese Praktiken der Risikomodellierung nach sich, welche Umordnungen und welche ontologische Politik bringen sie hervor?
Nach ihrem Studium der Umweltwissenschaften (DI, TU Berlin 1997), mehrjähriger Forschungstätigkeit und Promotion in Public Health (Universität Bielefeld 2004) wechselte Susanne Bauer in die Wissenschafts- und Technikforschung. Ihre derzeitigen Forschungsinteressen liegen an der Schnittstelle von Kulturwissenschaften, Wissensgeschichte und Wissenschafts- und Techniksoziologie. Sie war Co-Kuratorin der Ausstellung „Split+Splice. Fragments from the Age of Biomedicine“ am Medicinsk Museion der Universität Kopenhagen sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin, und am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Derzeit arbeitet sie unter anderem zu nuklearen Ökologien im postsowjetischen Kasachstan sowie zu Infrastrukturen und sozialer Zirkulation von Risiko-Scores.