Zur Verteidigung des Reiches: Österreichische Soziologie und der europäische Nationalstaat 1870-1914
Obwohl das späte 19. Jahrhundert oft im Hinblick auf den Aufstieg des Nationalstaats diskutiert wird, war es gleichzeitig die Epoche der Kritik am Nationalstaat. Prendergasts Untersuchung erkundet einen der frühsten Schauplätze dieser Kritik: die Habsburgermonarchie. Hier begannen erstmals Rechts- und Politikwissenschaftler, von denen viele jüdisch waren, die vermeintliche Abnormität der Reichsstruktur zu hinterfragen. In ihren Untersuchungen wählten sie einen soziologischen Zugang, der das Versprechen in sich trug, multiethnische politische Einheiten wissenschaftlich zu legitimieren. Das vorliegende Projekt identifiziert vier Kontexte für das Auftreten diese Akteure: das Aufkommen nationalbasierter Ansprüche auf Souveränität; die Institutionalisierung der Sozialwissenschaften; die Nationalisierung von Identität in der Doppelmonarchie; und die jüdische Antwort auf diesen Nationalisierungsprozess. Damit revidiert dieses Projekt unser Verständnis von der Überlebensfähigkeit der großen Reiche Europas und beleuchtet den bleibenden Einfluss des imperialen Denkens im 20. Jahrhundert, sowohl im östlichen Mitteleuropa als auch darüber hinaus.
Thomas R. Prendergast ist Doktorand im Fachbereich Geschichte und Nathan J. Perilman Fellow in Judaistik an der Duke University. Sein Magisterstudium der Geschichte absolvierte er ebenfalls an der Duke University, sein Bachelorstudium der Geschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaften an der University of Chicago. Seine Dissertation rekonstruiert jene Wissenschaftssprachen, anhand derer die Intellektuellen aus geographischen und sozialen Randbereichen der Habsburgermonarchie die vorherrschende Ideen der politischen Modernisierung um die Jahrhundertwende hinterfragten. Ein Auszug seiner Arbeit wurde in der Zeitschrift Religions als Teil der fortlaufenden Sonderreihe “Empire, Socialism, and Jews: Writing the Monarchy Back into Austrian History” publiziert. Des Weiteren hat er seine Forschung auf Konferenzen in den USA und in Europa präsentiert, unter anderem bei der Southern Conference on Slavic Studies; bei der Northeast Slavic, East European, and Eurasian Studies Conference; dem Triangle Intellectual History Seminar; und 2015 bei einem vom IFK geförderten Workshop.