Beamte, Empire und die Spielregeln Europas
Soziale und ökonomische Institutionen, die Spielregeln moderner Demokratien und Markwirtschaften, gelten als maßgeblich für langfristiges Wirtschaftswachstum. Das selektive Kopieren von vermeintlich erfolgreichen Institutionen aus anderen Ländern ist eine Strategie, die bisher mit recht unterschiedlichem Erfolg angewandt wurde. Die Reformen der Meiji-Restauration, der EU-Erweiterung oder der Strukturanpassungsprogramme der Weltbank sind Beispiele. Aus institutioneller Sicht ist das Anpassen fremder Normen an den lokalen Kontext unumgänglich. Wieso wird dieses Anpassen oft vernachlässigt? Wer sind die Akteure, und unter welchen Voraussetzungen arbeiten sie? Valentin Seidler untersucht die Rolle von lokalen und britischen Beamten in der Staatenbildung ehemaliger Kolonien. Mit Ende der Kolonialzeit wurden soziale und ökonomische Institutionen im Eilverfahren in die neuen unabhängigen Staaten übertragen. Ca. 15.000 lokale und britische Beamte hatten Schlüsselpositionen in diesem Prozess inne und befanden sich gleichzeitig im Spannungsfeld zwischen jungen politschen Bewegungen und ihrer eigenen Zukunftsplanung.
Nach dem Studium der Betriebswirtschaften und der Politikwissenschaften ist Valentin Seidler für das Internationale Rote Kreuz in Afrika, Europa und Asien tätig. Mit der Promotion 2011 im Fach Volkswirtschaft beginnt seine Forschungs- und Lehrtätigkeit am Institut für Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Von 2014 bis 2015 forscht Seidler als Visiting Scholar am Institute for Advanced Study in Princeton. Seine 2014 erschienene Studie über die Rolle von informellen Institutionen in Nord-Nigeria ist für den Elinor Ostrom Award 2015 nominiert. Seidlers Forschungsinteresse liegt im Verständnis von sozialen und ökonomischen Institutionen, die als maßgeblich für langfristiges Wirtschaftswachstum verstanden werden. In den letzten Jahren hat er sich eingehend mit dem Kopieren von Institutionen, sogenannten institutionellen Transplanten, beschäftigt. Seidler lehrt institutionelle und heterodoxe Ökonomie sowie Entwicklungsökonomie an der Universität Wien.