Psychiatrie-Lehrbücher: Kognitive Praktiken und textuelle Strategien
Bis heute ist der klinische Unterricht nicht das wichtigste Mittel, um psychiatrisches Wissen zu transportieren. In verschiedenen Stadien der professionellen Ausbildung wird Wissen auch aus Lehrbüchern bezogen. Studierende und Lehrer lesen Bücher, um Einsichten in ein breites und komplexes Wissensfeld zu gewinnen.
Das Projekt untersucht diese Lehrbuch-Kultur und ihren Beitrag zur Formierung der Psychiatrie als wissenschaftlicher Disziplin. Es rekonstruiert die mit dem Buch assoziierten Lese- und Unterrichtspraktiken sowie seine Visualisierungsstrategien und Typografie. Ein historischer Schwerpunkt liegt auf dem ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert, als die Psychiatrie in eine weitere Phase der Professionalisierung eintritt. Wie trägt das Lehrbuch zu diesem Prozess bei? Wie unterscheidet es sich etwa von Handbüchern oder anderen wissenschaftlichen Genres, die zur selben Zeit an Bedeutung gewinnen?
Yvonne Wübben promovierte als Literaturwissenschafterin und als Medizinerin. Sie arbeitet über die Austauschbeziehungen zwischen Literatur und Psychiatrie. Seit 2010 ist sie Junior-Professorin an der Ruhr-Universität Bochum und leitet dort eine Forschergruppe zum Lehrbuch als Wissensraum. 2011 habilitierte sie an der FU Berlin mit einer Arbeit über das Aufzeichnen von Krankengeschichten.