1987: Die Revolution als Ereignis schien schon in weite Ferne gerückt und immer blutig zu enden; doch dann las die Vortragende das faszinierende Werk eines noch lebenden Philosophen, der sich als Revolutionär bezeichnete, und war gefesselt. Es begann für sie eine folgenreiche Geschichte und eine Revolution, die noch immer auf sich warten lässt, obwohl sie längst schon begonnen hat, und die – nicht enden wollend – uns heute wie ein roter Faden mit anderen Generationen verbindet, vor allem mit jungen Menschen, deren Zukunft auf dem Spiel steht und denen das Erfordernis eines radikalen Wandels unserer Produktions- und Konsumtionsweisen glasklar zu sein scheint. Weniger klar ist, wie diese »Revolution« aussehen soll und ihr politischer Vollzug. Der Vortrag wird versuchen, diesen durch Castoriadis neu belebten Begriff der Revolution aus heutiger Sicht zu fassen, rück- und vorwärtsblickend wie der Mensch, der ausholt und wankt, um etwas zu werfen oder einfach nur einen Schritt vor den anderen zu setzen. Welcher Art sollte der politische Begriff der Revolution sein, ohne in der totalen Idee davon zu münden?
Im Kontext der Forschung zu sozialen Medien hat das Konzept des »algorithmic imaginary« (Bucher 2018) in den letzten Jahren einige Prominenz erfahren, geraten mit diesem doch die Aneignungsprozesse der im Verborgenen operierenden algorithmischen Prozesse durch die Nutzer*innen bzw. deren Imaginationen von diesen Operationen in den Blick. Mithilfe solch eines Konzepts werden die Vorstellungen von Nutzer*innen über die Funktionsweise von auf Algorithmen basierenden Technologien samt ihres produktiven und affektiven Zutuns analysierbar, wie sie etwa kennzeichnend für die Zusammenstellung der Feeds von sozialen Medien sind. Die affektiven Momente werden hierbei allerdings lediglich auf Seiten der Nutzer*innen und in deren »imaginaries« verortet. Gleichzeitig ist in jüngsten Arbeiten zu solch ordnungsstiftenden Algorithmen die Rede von vorwiegend technisch operierenden Imaginationen (Rieder 2020), in denen wiederum die Aneignungsprozesse der Nutzer*innen kaum Beachtung finden. In Bezug auf ein umfassendes Verständnis sozialer Medien sind beide Konzeptionen eines Imaginären insofern wenig zielführend, als dass sie die für die Infrastrukturen sozialer Medien konstitutive Indeterminiertheit zwischen von Progammierer*innen erdachten »design imaginaries« und den »specific situations of use« (Suchman 2007) durch die Nutzer*innen jeweils einseitig engführen. Der Vortrag nimmt diesen Umstand als Ausgangspunkt und versucht ausgehend von Castoriadis‘ vier Ebenen des Imaginären ein algorithmisch Imaginäres zu skizzieren, dass das wechselseitige Zusammenspiel von Programmierer- und Designer*innen, Interface-Elementen, Verfahren des maschinellen Lernens und nicht zuletzt den Nutzer*innen im Kontext sozialer Medien in den Blick zu nehmen vermag, was an der Relation von Feed und Interface verdeutlicht werden soll.
Moderne, technologische Gesellschaften produzieren unausgesetzt Bilder und Erzählungen über ihre Zukunft. Ein wichtiger Bestandteil ist die Vorstellung zukünftiger Technik. Doch diese Imagination der Technik ist in mindestens drei Hinsichten problematisch: Imagination anderer Technik und deren Realisierung: Einerseits verspricht die Entwicklung der Technik die Lösung zahlreicher Probleme, andererseits machen vergangene Erfahrungen mit neuen Technologien nicht immer Hoffnung. Statt Probleme zu lösen, tauchen neue, mitunter vollkommen unerwartete Schwierigkeiten auf. Dies wirft nicht nur die prognostische Frage nach realistischen Einschätzungen der Leistungen und Probleme zukünftiger Technik auf, sondern auch die nach einer prinzipiellen ›Andersheit‹ von zukünftiger Technik im Kontrast zu den Vorstellungswelten (den »imaginaries«), mit denen sich Gesellschaften ihre technische Zukunft vorstellen. Grenzen der Imagination anderer Technik: Wenn neue Technik im Rahmen einer gegebenen, in diesem Fall kapitalistischen, Gesellschaft nicht zu grundlegender Problemlösung führt oder sich in den Fallstricken eines »technologischen Solutionismus« (Evgeny Morozow) verliert, was bedeutet es dann, nach den Möglichkeitsbedingungen einer wirklich anderen Technik zu fragen? Wäre diese Technik nur in einer neuen Gesellschaft möglich – und umgekehrt diese nur mit jener? Wie also kann eine andere Technik imaginiert werden – also nicht bloß als leicht verfremdete Verlängerung und Verstärkung gegenwärtiger Technik und ihrer Trends (z. B. fliegende Autos)? Wie radikal anders kann Technik überhaupt gedacht werden? Technizität der Imagination: In der Verlängerung dieses Gedankens wird unmittelbar deutlich, dass die real existierende Technik nicht einfach nur sozialen Bedingungen unterworfen ist, sondern soziale Bedingungen und damit die Bedingungen der Imagination möglicher Technik formt. Der Versuch, eine andere Technik zu denken, stößt mithin auf das Problem, dass die Imagination von Technik ihrerseits von technischen Mitteln abhängt, also sich in den Bahnen und Grenzen vollzieht, die Technik der Imagination setzt. Was folgt daraus?
Zehn Jahre nach 9/11 formuliert der Schriftsteller und Aktivist Patrick Reinsborough, wir befänden uns in einer »slow motion apocalypse«, in der nicht nur »die grundlegenden lebenserhaltenden Systeme des Planeten« sondern auch unsere »Kontrollmythen« kollabierten. Dem »ökologischen Endspiel eines ungebremsten, globalisierten Unternehmenskapitalismus« könnten wir nur mit radikaler Imagination entkommen. Manche versuchen, die nächste Zukunft durch Interpolation der Gegenwart zu gestalten, um ihren Status quo zu sichern. Die gegenwärtigen Probleme werden damit kaum gelöst. Aktivist*innen wollen darum jede Verbindung zur Gegenwart kappen. Sie fordern eine Zäsur. Doch häufig muss sich die Forderung nach einem unbedingten Neubeginn mit den Paradoxien des Anfangs herumschlagen: Eine andere Welt ist eine einsame Insel, die keinem Eiland ähnelt. Kein Ort, eine Utopie, zu der jede Karte fehlt.
Wie können wir also von insularen Körpern erzählen, ozeanische Gesellschaften erfinden, von endemischen Politiken in anderen Sprachen träumen? Diese Fragen irritieren, sobald wir die Antwort in uns selbst suchen: Wie können wir der eigenen Verstrickung in die Unterdrückung und Zerstörung der Umwelten entkommen – wie die eigene Schwerkraft überwinden? Kann man ich sein und ein*e ander*er werden – mit der eigenen Gegenwart brechen und dennoch überleben? Die Forderung nach Initiation und Neubeginn kann man heute vielen Erzählungen der »Neuen Rechten« und des Aufstands der letzten Generation entnehmen. Nicht in den Inhalten, aber in der radikalen Abkehr ähneln sie einander. Meint »radikal« bloß die Rückkehr zu einer »Wurzel«, einem vermeintlich reineren »Ursprung« (»radix«), oder kann man sich einsame, endemische Zukünfte vorstellen, die in keiner Gegenwart oder Vergangenheit wurzeln? Der Beitrag untersucht die neueren Erzählungen der Apokalypseblindheit. Er lädt dazu ein, mit den einsamen Zukünften die Perspektiven und Paradoxien der radikalen Imagination in den Critical Future Studies zu diskutieren.
Sprechende und schreibende Maschinen wandern in den Alltag. Das augenfälligste Phänomen sind dabei digitale Assistent*innen wie Apples Siri oder Amazons Alexa. Diese verkörpern die kulturelle Alltagserfahrung von künstlichen Systemen, die von Nutzer*innen angesprochen werden können und ihren Worten lauschen. Damit beginnt sich ein neues Paradigma der Beziehung von Mensch und Maschine anzudeuten, in welchem digitale Anwendungen die gesellschaftliche Kommunikation nicht mehr nur irritieren, strukturieren und kanalisieren. Sie scheinen an ihnen nun auch als adressierbares Gegenüber und als Quelle von Mitteilungen teilzunehmen. Die im Vortrag entfaltete These ist, dass die Imagination kommunizierender Technik eine spezifische Ordnung des Mensch-Maschine-Verhältnisses instituiert: Computertechnologie wird durch das Design kommunikativ angelegter Interfaces einerseits personifiziert – womit sich das Versprechen verbindet, dass sie sich nahtlos in die Gesellschaft einfügen lässt. Zum anderen wird die Fremdheit der Computertechnologie durch eben diese Personifizierung unsichtbar gemacht, womit Computertechnik noch weiter in den infrastrukturellen Hintergrund gesellschaftlicher Praxis rücken kann: An die Stelle objekthafter Technik tritt eine kommunizierende Entität, welche Menschen als Kommunikationspartner*in angeboten wird, und als solche behandelt werden kann. Die Bedingung für eine solche Inklusion kommunizierender Maschinen verortet der Vortrag im Imaginären kybernetischer Kommunikation als zentralem Modus des Sozialen.
Vortrag von IFK_Gast des Direktors Geertjan de Vugt vom 18. März 2019.
Vortrag von IFK_Junior Fellow Paul Feigelfeld vom 4. November 2019.
On 27 October 2019, President Trump announced that US Special Forces had killed the leader of ISIS. What does this killing – an extraterritorial, extrajudicial assassination – mean for law? This lecture argues that events like this killing effect a translation of liberal legality into necropolitical law.
IFK_Live (Zoom Lecture) of Jothie Rajah.
Only fifteen years separate two historical events fundamental to the constitution of two Western and Central European democracies as we know them today. The Carnation Revolution of April 1974 in Portugal and the Velvet Revolution of November 1989 in former Czechoslovakia shifted the course of local and global histories and rewrote national narratives, while playing important roles in much larger processes such as the collapse of the Eastern Bloc and the definitive dissolution of a moribund colonial empire. Lecture of IFK_Junior Fellow Ana de Almeida.
Translation, in Gramsci and Benjamin, functions as a point of condensation and exemplification of their other aesthetic, philosophical, historical and political interests.
This Guest Lecture is the Keynote speech of the conference “Passagen: Walter Benjamin und Antonio Gramsci“ at the Institut für Romanistik der Universität Wien, in cooperation with the Arbeitskreis Kulturanalyse (aka):