Sie sind sehr viele, sie sind überall, sie haben unterschiedliche Gestalten und Funktionen, ihre Auftritte finden unter verschiedenen Vorzeichen statt, und ihre Verweildauer kann kurz oder erstaunlich lang sein. Was die Nebenfiguren bei aller Verschiedenheit indes gemeinsam haben, ist ihr paradoxaler Status im Feld der Wahrnehmung: bei voller Sichtbarkeit weitgehend unbeachtet zu bleiben.
Was eine Beachtung der Nebenfigur bedeuten könnte, wie sie sich bislang gestaltet hat, und von welchen Prämissen und Aporien die Versuche gekennzeichnet sind, ihre Bedeutung zu würdigen, ist die zentrale Frage dieses Essays, der entsprechende Auftritte im Spekturm von Film, Tanz, Theater, Serie und Bildender Kunst untersucht.
Basteln. Kurze Geschichte einer kleinen Tätigkeit
Das Basteln ist eine ebenso allgegenwärtige wie vieldeutige Form des Selbermachens. Oft wird es als Überlebensstrategie in Zeiten des Mangels oder als Mittel zu Innovation und Subversion gepriesen, mindestens ebenso oft aber als nicht weiter ernstzunehmender Zeitvertreib belächelt oder als Zeitverschwendung kritisiert. Als vermeintlich ›kleine Tätigkeit‹ ist das Basteln eng mit der Kultur-, Theorie- und Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts verwoben. In seinem Essay verfolgt Michael Bies diese Geschichte des Bastelns, das vor dem Hintergrund ökologischer, ökonomischer und weiterer Krisen zuletzt wieder verstärkte Aufmerksamkeit erlangt hat.
Die Offenheit akustischer Aufzeichnungen für Nebengeräusche wird seit den späten 1960er-Jahren nicht nur als Problem, sondern auch als Chance begriffen. Im Kontext von Field Recordings gewinnen Störungen und Hintergrundrauschen Bedeutung. Anhand historischer Umgebungsaufnahmen verfolgt dieser Essay die Epistemologie akustischer Ökologie–Konzepte in den 1970er-Jahren. Er ist eine Einladung zum Zuhören: Vögel und Straßenszenen, Buckelwale, Brandungsrauschen und der Sound von politischem Protest.
Ab 1850 vollzieht sich eine radikale Transformation der Bibliotheken, und das weltweit. Sie bleiben Literaturarchive, werden aber nun durch regelmäßige Etats zu Orten, die das Neueste im Regal haben und das aktuellste Wissen kommunizieren. Das Lesen wird in den modernen Industrie-gesellschaften zur umfassenden Beschäftigung mit der eigenen Welt, der Aufenthalt in der Bibliothek zu einem Akt der Selbstvergewisserung.
Radikales Tierrecht. Zehn Fragen zum Antispeziesismus
Der »Antispeziesismus« als Grundlage der Tierrechtsbewegung setzt -voraus, dass die Spezies kein geeignetes Kriterium dafür darstellt, wie ein Tier behandelt werden sollte. Der »Speziesismus« wird also als Diskriminierung betrachtet, genauso wie Rassismus oder Sexismus. Radikales Tierrecht: Etymologisch bezieht sich »radikal« auf radix, »Wurzel«. Die Tierrechts-bewegung steht also an den Schnittstellen verschiedener brennender Gesellschaftsfragen, an denen Ökologie, Religionen, Kapitalismus oder Feminismus zusammenhängen.
(aus dem Französischen von Brita Pohl)
Nachkriegsschamanismus
Die hier versammelten Essays stellen den Schamanismus als eine Denkfigur vor, in der die Verlierer des Zweiten Weltkriegs sich als Anwälte indigener oder dekolonialisierter Gemeinwesen versuchten, um die eigene Verstrickung in Faschismus und Krieg abzutragen. Im Blick auf und mit Joseph Beuys, Elias Canetti, Ernst Jünger, Ernesto de Martino, Wilhelm E. Mühlmann oder Nam Jun Paik entsteht das differenzierte Bild des Schamanismus als einer Kultur der (männlichen) Niederlage.
Das Rhein-Main-Gebiet ist heute eine der ökologisch und biogeographisch am besten erforschten Regionen der Welt – und das hat unmittelbar mit einem der größten Umweltsünder des 20. Jahrhunderts zu tun: dem Frankfurter Flughafen.
Ende des 18. Jahrhunderts verbreitete sich unter englischen Adeligen eine geradezu exzentrische Mode: Sie bezahlten Eremiten, damit diese in ihren Gärten in eigens eingerichteten Einsiedeleien als »lebender Schmuck« wohnten. Die Tradition hat diese sonderbaren und zugleich faszinierenden Figuren als »Schmuckeremiten« bezeichnet.
Japonismen der Theorie
Im frühen und mittleren zwanzigsten Jahrhundert gibt es in Europa eine Konjunktur von Texten, die den Versuch unternehmen, »Japan« philosophisch lesbar zu machen.
Kultureller Kannibalismus als metaphorische Verschlingung des Anderen und seine Transformation in ein ›Eigenes‹ wird im Brasilien der 1920er Jahre als Möglichkeit des Widerstands gegen die nach wie vor wirksame Vorherrschaft Europas in Kunst, Kultur und Literatur zelebriert. Seither kann die Trope der Einverleibung nicht nur in Lateinamerika als paradigmatisch für den Diskurs über Identität, Alterität und Differenz, Sprache, Literatur, Tradition und Übersetzen angesehen werden.