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Jan Fellerer IFK_LIVE: HISTORICAL URBAN MULTILINGUALISM IN EAST CENTRAL EUROPE: ŁÓDŹ AROUND 1900

Jan Fellerer



Lecture of City of Vienna/IFK_Fellow Jan Fellerer.


Die autochthone Bevölkerung vieler mittel- und osteuropäischer Städte war bis zum Zweiten Weltkrieg mehrsprachig. Einige haben dabei nostalgische Vorstellungen einer vermeintlich harmonischen multikulturellen Vergangenheit. Viele andere verbinden damit konfliktreiche nationale Antagonismen und hegemoniale Unterdrückung mit einer dominanten Sprache. Trotz Ideologien und Politik ging das alltägliche Leben weiter. Moderne Städte bedurften des intensiven Kontakts zwischen ihren Einwohnern und Einwohnerinnen, etwa am Arbeitsplatz, zur Bereitstellung von Dienstleistungen, in Wirtschaft und Handel, lokaler Verwaltung, in der Freizeit und zur Gründung einer Familie. Für diese Zwecke war es häufig unumgänglich für Sprecher verschiedener Sprachen, miteinander auf die eine oder andere Weise zu kommunizieren. Wir wissen aber wenig darüber, wie dies in der Praxis funktionierte, in den Fabriken und Werkstätten, den Büros, in Mietshäusern, auf den Straßen, Märkten und in den Gasthäusern einer historisch gewachsenen mehrsprachigen Stadt. Ein Beispiel ist die polnische Industriestadt Łódź, die manchmal als das „polnische Manchester“ bezeichnet wird. Łódź war bis zum Ersten Weltkrieg unter russischer Herrschaft und dann Teil der Zweiten Polnischen Republik. Die städtische Bevölkerung war polnisch-, jiddisch-, deutsch- und russischsprachig. Mithilfe soziolinguistischer Methoden und Konzepte lassen sich Fragmente dieser Mehrsprachigkeit im historischen Kontext rekonstruieren. Ein reiches Quellenmaterial zu diesem Zweck bieten gerichtliche Kriminalakten der Zeit. Sie erlauben Einblicke in das Alltagsleben im historischen Łódź und die mehrsprachigen kommunikativen Praktiken unter den Einwohnern und Einwohnerinnen. Manche von ihnen waren zwei- oder sogar dreisprachig, andere behalfen sich mit sprachlichen Mischformen, während in offiziellen Kontexten mitunter Übersetzungen angefertigt wurden. Die gelebte urbane Polyglossie war flexibel und effizient, aber gleichermaßen war sie ein Ausdruck der sozialen Ungleichheit und des politischen Konflikts. CV Jan Fellerer hat Slawistik in Wien studiert, mit Auslandssemestern in Prag und Krakau. Nach einigen Jahren an der Universität Basel wechselte er an die Universität Oxford, Wolfson College, als lecturer, dann als associate professor in slawischen Sprachen. Er beschäftigt sich vor allem mit der Geschichte und Struktur von west- und ostslawischen Sprachen, insbesondere des Polnischen, Tschechischen und Ukrainischen. PUBLIKATIONEN Urban Multilingualism in East-Central Europe: The Polish Dialect of Late-Habsburg Lviv (=Studies in Slavic, Baltic, and Eastern European Languages and Cultures, Lanham/MD), London 2020; ed. with R. Pyrah, Lviv and Wrocław, Cities in Parallel? Myth, Memory and Migration, c. 1890–present, Budapest 2020; ed. with R. Pyrah and M. Turda, Identities In-Between in East-Central Europe (=Routledge Histories of Central and Eastern Europe), London/New York 2019; Mehrsprachigkeit im galizischen Verwaltungswesen (1772–1914). Eine historisch-soziolinguistische Studie zum Polnischen und Ruthenischen (Ukrainischen) (=Bausteine zur Slavischen Philologie und Kulturgeschichte 46), Cologne/Weimar 2005.