»Vor den letzten Dingen« war der Untertitel von Siegfried Kracauers posthum erschienen Buch über Geschichtsschreibung. Dem ifk dient er nun dazu, Fragen nach dem Ende, oder vielmehr: nach dem Beenden zu stellen. In aller Schärfe drängen sie sich mit Blick auf jene eingeschliffenen Produktions- und Konsumgewohnheiten auf, die ein gedeihliches Weiterleben auf dem Planeten gefährden. Das betrifft Mobilität und Energieverbrauch, das heißt die technisch-ökonomischen Möglichkeiten, die weltweit ungleich verteilt sind. Das betrifft Alltagsroutinen: was wir zu uns nehmen, wie wir uns kleiden, wie wir kommunizieren. Es stellt mithin unsere eingeschliffenen Lebensweisen ebenso in Frage wie ihre epistemischen und habitualisierten Grundlagen. Die Frage, womit wir aufhören müssen, können und wollen, damit das so genannte Anthropozän eine Phase oder Krise gewesen sein wird, ist eine eminent politische, zumal sich im Beenden ein notwendiger Neuanfang verpuppt haben könnte. Kulturhistorisch betrachtet sind Anfänge systematisch mit Gesten des Rückgriffs verbunden, exemplarisch die europäische Renaissance, man denke aber auch an aktuelle Projekte des rewildings. Selbst Ruderalpflanzen, die zerstörte Flächen besiedeln, nutzen, was bereits vorhanden ist.
Populist*innen versprechen ihren Wähler*innen, dass sie weitermachen können, wie bisher und verbuchen diejenigen, die vom Aufhören, vom Reduzieren, von Postwachstum und Verzichten sprechen grundsätzlich auf der Seite der Feinde der individuellen Freiheit. Der vorgeschlagenen Forschungsschwerpunkt setzt dem etwas entgegen und hat zum Ziel, Kulturtechniken, Praktiken, Denkfiguren und Erzählungen des Beendens und Aufhörens so zu untersuchen, dass das Beenden, den Umgang mit dem Ende und der Endlichkeit als aktiv und gestaltbar begriffen werden kann und im Horizont des Neubeginns erscheint.
Fragen, die unterschiedliche kulturwissenschaftliche Disziplinen ansprechen, werden in Form von Tagungen und Workshops untersucht:
1. Wer ruft das Ende aus? Das Ende der Geschichte, das Ende der Welt, das Ende des Menschen – Zeithorizonte werden theoretisch, historiographisch, künstlerisch, literarisch aufgespannt und sie haben Rückwirkungen auf die Betrachtung der Gegenwart. Nicht unwesentlich ist dabei, wie das Danach gedacht oder erwünscht wird. Werden die Gegenwart und ihre Krisen als zwangsweise so, oder als historisch kontingent wahrgenommen? Was folgt daraus für Imaginationen des Zukünftigen? Welche Trajektorien und Zukünfte sind denkbar, wenn von sich verschiebenden Zeithorizonten ausgegangen wird? Wie lässt sich eine das Ende einbeziehende offene Zukunft gewinnen?
2. Nach dem Ende: Wäre es nicht an der Zeit, das Ende vom jenseits der Schwelle zu betrachten? Haben nicht schon viele Welten – etwa durch Krieg oder koloniale Eroberungen – geendet, wie Eduardo Viveiros de Castro und Déborah Danowski argumentieren? Hier ist der Einsatzpunkt für Untersuchungen zu postapokalyptischen Denkmodellen; aber auch für kulturanthropologische und kulturwissenschaftliche Forschung zu existentiellen Schwellen, etwa zu Kulturtechniken des Trauerns, der Ahnenverehrung, der Genealogie, aber auch zu Fragen der Reparation und Restitution.
3. Postwachstum und conviviality: Der Diskurs um Endlichkeit von Ressourcen und globale Ungleichheit als Preis für Wirtschaftswachstum in privilegierten Zonen begann in den 1970er Jahren mit Denkern wie Ivan Illich, der mit dem Konzept der Kontraproduktivität auf autodestruktive Dynamiken der Industriemoderne hinwies. Degrowth mit seinen Konnotationen von Verzicht und Verlust haben heute jedoch einen prononciert apokalyptischen Beigeschmack. Wie ließe sich hingegen das Schlussmachen mit destruktiven ökonomischen Routinen und Praktiken als ein Schritt hin zu conviviality denken? Hierfür bietet die politische Ökonomie erste Ansätze, insbesondere auch diejenigen des so genannten globalen Südens.
4. Enden, die ein Anfang sind: In den Künsten werden die »Paradoxien des Finalen« (Peter Bexte) konsequent thematisiert, ausgetestet und gestaltet. Dass jedes Ende (eines Romans, eines Musik- oder Theaterstücks, eines Films) auch ein Anfang sein könnte, scheint sogar die Signatur der Moderne zu sein. Anders als in zyklischen Zeitvorstellungen sind für die Moderne Zäsuren entscheidend: Sie scheiden Altes von Neuem, Überholtes von Zukunftsträchtigem und definieren damit auch Zeitgenossenschaft. Denkbar sind hier kunst- oder literaturhistorische bzw. -theoretische Untersuchungen von Künsten des Beendens, auch im Film oder im Theater, oder – forciert – in den digitalen Medien mit ihrer Beschleunigung von Obsoleszenz.
Es ist nicht mehr von der Hand zu weisen, dass die ungeheure Mobilmachung von Menschen, Dingen und Natur, die mit der Neuzeit einsetzte, eine der größten Herausforderungen, vielleicht aber auch Rätsel der Gegenwart bildet. Ein Rätsel gibt uns die Kapitalisierung und Mobilmachung von Ressourcen deshalb auf, weil die daraus folgenden Zerstörungskräfte inzwischen unübersehbar sind, eine Postwachstumswelt auch schon in groben Zügen skizziert worden, der Weg dahin jedoch noch nicht gebahnt ist bzw. als politisch äußerst schmerzhaft imaginiert werden muss. Von sozialökologischer Seite wird argumentiert, dass eine solche »Demobilisierung« nur mit Hilfe sehr grundsätzlicher ökonomischer und kultureller Transformationen erreicht werden könnte, was auch das Selbstverständnis der liberal-bürgerlichen Mittelschichten erschüttert. Rechtspopulismus und Nationalismus sind die jetzt schon auffälligen Symptome dieser Verunsicherung.
Historisch betrachtet ist jedoch Globalisierung weder ein räumlich homogenes Phänomen noch ein zeitlich kontinuierliches. Die Effekte globaler Wechselwirkungen kommen stets lokal zum Tragen, sind also glokal. Selbst die mobilsten Elemente, allen voran die Finanzmärkte, verbinden sich mit situierten kulturellen und ökonomischen Praktiken. Kosten und Nutzen werden nach wie vor hochgradig ungleich verteilt. Seit der neuzeitlichen Kolonisierungswelle ab dem 16. Jahrhundert lassen sich zudem Phasen der Ausbreitung (Feldzüge, Handel, Mission), der Rezentrierung (etwa durch imperiale Machtkonzentrationen) und auch der Deglobalisierung (etwa nach Marktzusammenbrüchen) beobachten. Diese Effekte betreffen ökonomische, geopolitische, aber auch kulturelle Prozesse (Sprachpolitik, politische Diskurse der Nationalisierung etc.).
So gut wie alle aktuellen politischen Problemkonstellationen stehen mit diesen Wechselwirkungen in Zusammenhang. Ob es um Asyl- oder Sicherheitspolitik geht, um Seuchenbekämpfung, um Klimapolitik: Nichts davon ist denkbar, ohne die lange Geschichte der Globalisierung an konkreten Orten mit ins Auge zu fassen. Inzwischen geht es längst nicht mehr nur darum, Mobilität technisch und kulturell nachhaltiger zu gestalten, sondern auch um aktiven Einsatz für ein mögliches Bleiben: Menschen und Tiere sollen vor Vertreibung geschützt werden; und wenn sie fliehen mussten, soll ihnen das Ankommen erleichtert werden. Wie verändern diese Bedingungen unsere Perspektiven auf Mobilität? Auf den globalen Warenverkehr? Aber auch auf »Indigenität«? Auf Zugehörigkeit? Auf Zurechenbarkeit? Auf den Zusammenhang zwischen Biopolitik und Mobilität? Auf Technologien, Designprozesse, Infrastrukturen? Welche Sprachen wird eine zukünftig glokale Welt-Literatur sprechen? Wie kann Vulnerabilität, derzeit in erster Linie ein weiterer Ungleichheitseffekt, zu einem Ankerpunkt von Selbstbeschränkung und geteilter Sorge werden? Welche Rolle werden Geschlecht, Sexualität und Körperlichkeit, Lohn- und Sorgearbeit in der Transition und in einer Postwachstumsgesellschaft spielen? Welche Zeitregimes und Vorstellungen von Zeit, von Anfang und Ende, von Dauer und Geschwindigkeit werden sich epistemisch und lebensweltlich behaupten oder durchsetzen? Welche Begriffe können diese komplexen Prozesse erfassen, ohne einen falschen Konsens oder eine neue Teleologie zu implizieren?
Der Forschungsschwerpunkt Situiert im Globalen geht solchen und ähnlichen Fragen explorativ und interdisziplinär nach. In Tiefenbohrungen und lateralen Blicken sollen historische und kulturelle Konstellationen und Konjunkturen untersucht werden.
Ein weiterer Forschungsschwerpunkt wird unter dem Titel: Andere Arbeit aufgebaut. Dieses Thema soll Bewerber*innen einladen, die sich mit aktuellen gesellschaftspolitischen, technologischen und ökonomischen Entwicklungen der Arbeitswelt auseinandersetzen. Wir werden in Zukunft vermutlich andere Arbeit verrichten; diese Erwartung wird mit Ängsten und Utopien zugleich assoziiert. Doch schon das »wir« bleibt diffus: Wer ist wir? In welchen Ländern und Kulturen? Männer oder Frauen? Kinder oder Alte? Arme oder Reiche?
Das Spektrum möglicher Projekte ist weit. Andere Arbeit: Der Titel bezieht sich also auf Veränderungen der Arbeitswelt, die teilweise bereits beschrieben und imaginiert wurden, etwa den Wandel postindustrieller Gesellschaften zu Dienstleistungsgesellschaften oder die zunehmende Subjektivierung von Arbeitsbiografien, die sich in Reden von »Ich-AGs« oder dem »unternehmerischen Selbst« (nach Ulrich Bröckling) ausdrücken. Andere Arbeit kann auf Debatten um technologische Perspektiven – Stichworte: Digitalisierung, Automatisierung, künstliche Intelligenz – bezogen werden; darum hat das deutsche Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Oktober 2018 eine »Denkfabrik Digitale Arbeitsgesellschaft« eröffnet. Daran schließt sich die Frage an, ob und wie denn überhaupt »Arbeitsgesellschaften« bleiben werden? Oder wird sich die Prophezeiung des Ökonomen John Maynard Keynes erfüllen, der bereits im Sommer 1930 voraussagte, wir würden 2030 nur noch fünfzehn Wochenstunden mit Arbeit verbringen? Ähnliche Utopien haben übrigens bereits Benjamin Franklin, Karl Marx oder John Stuart Mill formuliert. Wie wird dann das Andere der Arbeit aussehen? Welche Gestalt werden Konzepte der Freizeit, des Urlaubs oder des Konsums annehmen?
Wie würden die Kulturen und ökonomischen Ordnungen eines Zeitalters der Muße aussehen? Müssen wir über eine »Rettung der Arbeit« (Lisa Herzog) nachdenken oder über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens (Rutger Bregman)? Würde ein solches Grundeinkommen – unter welchen Bezeichnungen auch immer – zu Prozessen der Renationalisierung oder zu anderen Arten von Globalisierung, etwa zu einer Stärkung globaler Institutionen, beitragen? Für eine Kunstuniversität ist daneben die Frage besonders interessant, welche Schnittflächen zwischen neuen Formen der Arbeit – etwa in den vielzitierten Start-Ups, New Work-Organisationen oder Plattformökonomien – und den Gestalten künstlerischer Praxis zu entstehen scheinen. Wie werden künftige Arbeitsplätze aussehen? Welche Arbeitsarchitekturen werden dann dominieren? Büros, Fabriken, Plantagen, Bergwerke, Labors, Ateliers?
Nicht umsonst reüssiert Kreativität schon seit Jahrzehnten nicht mehr bloß als programmatischer Begriff der Künste, sondern geradezu als ökonomischer Imperativ. Im Kontrast zur Kreativwirtschaft vermehren sich aber auch die »Bullshit-Jobs« (David Graeber), Tätigkeiten also, die nach Eigenwahrnehmung der jeweiligen Akteure und Akteurinnen völlig nutz- und sinnlos sind. Werden wir heute schon, erst recht in Zukunft, mit sozialen Verwerfungen und Bruchlinien konfrontiert, die sich nicht mehr bloß auf die wachsenden Differenzen zwischen arm und reich, sondern auch auf Sinn und Wert der Arbeit selbst beziehen? Und welche Arbeiten – zum Beispiel Hausarbeit oder Pflegedienste – werden künftig in Berechnungen des Bruttoinlandsprodukts einbezogen werden? Welche Bedeutung wird der freiwilligen Arbeit (voluntary work), im Deutschen oft unter dem absurden Titel »Ehrenamt« diskutiert, verliehen werden?
Andere Arbeit: Mit allen genannten Themen verbindet sich die Frage nach den kulturellen Gestalten der Arbeit. Unsere kapitalistische Arbeitsethik ist noch nicht sehr alt; Max Weber hat sie bekanntlich mit dem Aufstieg einer puritanisch-calvinistischen Moral assoziiert. Welche Vorstellungen werden womöglich an ihre Stelle treten? Und mit welchen Bildern werden wir tatsächlich das Andere der Arbeit beschreiben? Jüngst erst hat der französische Anthropologe Marc Augé – in seinem Manifest über L’Avenir des Terriens (2016), die Ankunft der Erdbewohner – die »Utopie der Bildung für alle« als die »einzige Utopie« bezeichnet, »die für die kommenden Jahrhunderte zählt und deren Fundamente mit aller Dringlichkeit gelegt und befestigt werden müssen«.[1] Die Forderung klingt ein wenig nach »lebenslangem Lernen«; welche anderen Formen kultureller Sinnstiftung könnten sich, nach dem »Verschwinden der Religionen«, das Augé ebenfalls für wahrscheinlich hält, durchsetzen und behaupten?
[1] Marc Augé: Die Zukunft der Erdbewohner. Ein Manifest. Übersetzt von Daniel Fastner. Berlin: Matthes & Seitz 2019. S. 21